Elif Eralp und der historische Erfolg der Linken: Wer Berlin regieren könnte

lif Eralp, Die Linke Berlin
Pressefoto: Pascal Kuba Koston - Elif Eralp, Die Linke Berlin

Die Linke gewinnt mit großem Vorsprung die Berliner Abgeordnetenhauswahl. Ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp könnte nun als erste Politikerin ihrer Partei und als erste Frau mit türkischer Familiengeschichte an die Spitze der Hauptstadt rücken. Doch gewählt ist sie noch nicht – schwierige Koalitionsverhandlungen stehen bevor.

Berlin steht vor einem politischen Richtungswechsel. Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 wurde Die Linke mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen erstmals stärkste Kraft in der Hauptstadt. Deutlich dahinter landete die CDU mit 18,8 Prozent. Die AfD erreichte 16,3 Prozent, die Grünen kamen auf 14,3 Prozent und die SPD lediglich auf 12,1 Prozent. Die bisherige Regierungskoalition aus CDU und SPD hat damit ihre parlamentarische Mehrheit verloren.

Im neuen Abgeordnetenhaus erhält Die Linke 47 Sitze, die CDU 34, die AfD 29, die Grünen 26 und die SPD 22 Sitze.

Im Zentrum dieses für die Linke historischen Wahlerfolgs steht Elif Eralp. Die 45-jährige Juristin führte ihre Partei mit einem Wahlkampf ins Rennen, der vor allem auf ein Thema ausgerichtet war: die zunehmende Unbezahlbarkeit des Lebens in Berlin – insbesondere die hohen Mieten.

Auch persönlich erzielte Eralp ein bemerkenswertes Ergebnis. Im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg 1 gewann sie mit 50,4 Prozent der Erststimmen das Direktmandat. Ihre stärkste Konkurrentin von den Grünen erreichte 17,2 Prozent. Bei der Wiederholungswahl 2023 hatte Eralp in diesem Wahlkreis noch 27,1 Prozent erhalten und war über die Landesliste ins Parlament eingezogen.

Noch nicht zur Bürgermeisterin gewählt

Der Wahlsieg ihrer Partei macht Elif Eralp allerdings nicht automatisch zur neuen Regierenden Bürgermeisterin. Das Berliner Landesoberhaupt wird nicht direkt von der Bevölkerung, sondern vom Abgeordnetenhaus gewählt. Dafür benötigt Eralp eine parlamentarische Mehrheit.

Rechnerisch möglich wäre eine Koalition aus Linken, Grünen und SPD. Gemeinsam kämen die drei Parteien auf 95 der insgesamt 158 Sitze und damit auf eine komfortable Mehrheit. Möglich wäre allerdings auch ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD mit zusammen 82 Sitzen.

Eralp hat bereits deutlich gemacht, dass sie das Rote Rathaus übernehmen und einen politischen Kurswechsel einleiten möchte. Ob ihr dies gelingt, hängt nun von den Koalitionsverhandlungen ab. Vor allem ihre Forderung nach einer Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne dürfte dabei für Konflikte sorgen. Auch der Umgang mit Antisemitismusvorwürfen gegen Teile der Berliner Linken wird in den Gesprächen eine Rolle spielen. Die Grünen verlangen auf diesem Gebiet eine eindeutige Positionierung. (

Sollte Eralp gewählt werden, wäre sie die erste Regierende Bürgermeisterin Berlins aus den Reihen der Linken und zugleich die erste Regierungschefin der Hauptstadt mit türkischer Familiengeschichte.

Tochter politischer Flüchtlinge

Elif Eralp wurde 1981 in München geboren. Ihre Eltern waren sozialistisch engagierte Gewerkschafter und flohen nach dem türkischen Militärputsch von 1980 nach Deutschland. Ihre Mutter war damals mit ihr schwanger.

Die Familie lebte zunächst in München, später in Dortmund und Hamburg. Nach eigener Darstellung wurde Eralp schon früh durch das politische Engagement ihrer Eltern geprägt und als Kind häufig zu Demonstrationen mitgenommen. Später beteiligte sie sich unter anderem an der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Seit rund 15 Jahren lebt Eralp in Berlin. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Von 2001 bis 2007 studierte sie Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg. Ihr Schwerpunkt lag im Bereich Kriminologie. Das erste juristische Staatsexamen legte sie mit der Note „gut“ ab, das zweite Staatsexamen schloss sie 2009 mit Prädikat ab.

Während ihres Studiums arbeitete Eralp unter anderem als Korrekturassistentin im Strafrecht und in der Gastronomie. Außerdem engagierte sie sich ehrenamtlich in Mentoringprojekten für Jugendliche mit Migrationsgeschichte und beim Hamburger Bundesarbeitskreis Kritischer Juragruppen. Sie spricht Deutsch, Türkisch, Englisch und Spanisch.

Seit 2010 war Eralp als Referentin für Rechtspolitik bei der Bundestagsfraktion der Linken tätig. Dort beschäftigte sie sich vor allem mit Bürgerrechten und Demokratie. Gleichzeitig engagierte sie sich als Betriebsrätin und in der Tarifkommission der Gewerkschaft ver.di.

Der Partei trat sie 2017 bei. Von 2018 bis 2023 gehörte sie dem Vorstand der Berliner Linken an. Seit November 2021 sitzt sie im Berliner Abgeordnetenhaus, seit 2024 ist sie stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion und seit Mai 2025 zudem stellvertretende Landesvorsitzende der Berliner Linken. (elif-fuer-berlin.de)

Wohnen ist ihr beherrschendes Thema

Das politische Profil Eralps wird vor allem durch die Wohnungs- und Mietenpolitik geprägt. Sie betrachtet die Wohnungsnot als das größte soziale Problem Berlins und fordert, große private Wohnungsbestände in öffentliches Eigentum zu überführen.

Konkret will sie den erfolgreichen Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ aus dem Jahr 2021 umsetzen. Damals hatten rund 58 Prozent der Abstimmenden dafür votiert, ein Gesetz zur Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne auszuarbeiten.

Von einer solchen Regelung könnten Unternehmen mit mehr als 3.000 Wohnungen betroffen sein. Insgesamt geht es um ungefähr 220.000 Wohnungen. Eralp argumentiert, Wohnungen dürften nicht in erster Linie als Kapitalanlage betrachtet werden, sondern müssten den Menschen als dauerhaft bezahlbares Zuhause dienen. (Tagesschau)

Zusätzlich fordert sie einen Mietendeckel bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen, eine Behörde gegen Mietwucher, stärkere Kontrollen illegal erhöhter Mieten und mehr kommunalen sowie sozialen Wohnungsbau.

Dabei räumt sie auch Fehler ihrer eigenen Partei ein. Die damalige PDS hatte Anfang der 2000er-Jahre in der Berliner Landesregierung dem Verkauf der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft GSW zugestimmt. Eralp bezeichnete diese Entscheidung ausdrücklich als großen Fehler. Einem vergleichbaren Verkauf würde ihre Partei heute nach ihren Worten nicht mehr zustimmen.

Die Vergesellschaftung bleibt jedoch hoch umstritten. Kritiker bezweifeln, dass dadurch zusätzlicher Wohnraum entsteht, und verweisen auf mögliche Entschädigungskosten in Milliardenhöhe. Aus der SPD wurden Kosten von ungefähr 20 Milliarden Euro genannt. Zudem ergab eine neuere Umfrage nur noch 37 Prozent Zustimmung zu einer Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände.

Eine Politik des bezahlbaren Alltags

Eralp will nicht nur die Mieten begrenzen. Sie positioniert sich als Vertreterin der Menschen, die Berlin täglich am Laufen halten, sich das Leben in der Hauptstadt aber zunehmend kaum noch leisten können.

Die Linke zog unter ihrer Führung unter anderem mit folgenden Forderungen in den Wahlkampf:

  • Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr einfrieren,
  • ein Sozialticket für neun Euro einführen,
  • Sperrmüll kostenlos abholen,
  • besonders belastete Stadtteile häufiger reinigen,
  • Schulen sanieren,
  • Bürgerämter leistungsfähiger machen,
  • günstige kommunale Kantinenangebote schaffen,
  • den Zugang zu Schwimmbädern, Museen und Kultur bezahlbar halten.

Eralp verbindet damit klassische linke Sozialpolitik mit konkreten Alltagsproblemen der Berliner Bevölkerung. Ihr Ziel sei eine Stadt, die unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Staatsangehörigkeit für alle funktioniere.

Antirassismus und gesellschaftliche Teilhabe

Ein zweiter Schwerpunkt ihres politischen Engagements ist der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung. In Berlin engagierte sich Eralp gegen Gentrifizierung und die Verdrängung von Mietern, kleinen Geschäften und Vereinen. Außerdem war sie in Initiativen für ein würdiges Gedenken an die Opfer der rassistischen und antisemitischen Anschläge von Halle und Hanau aktiv.

Sie vertritt die Vorstellung Berlins als „Solidarity City“. Dazu gehören für sie die Aufnahme Geflüchteter, bessere Teilhabemöglichkeiten für Menschen mit Migrationsgeschichte und ein Ende stigmatisierender Polizeikontrollen.

Kontrovers diskutiert wird gleichzeitig der Umgang der Berliner Linken mit Antisemitismus. Eralp weist den Vorwurf zurück, ihre Partei dulde systematisch antisemitische Positionen. Sie verweist auf einen Fünf-Punkte-Plan gegen Judenhass und erklärt, der Schutz jüdischen Lebens müsse ebenso gewährleistet werden wie der Schutz muslimischen und palästinensischen Lebens.

Im Abgeordnetenhaus gehörte sie einer Enquete-Kommission an, die sich mit Antisemitismus, Rassismus, Muslimfeindlichkeit und anderen Formen der Diskriminierung beschäftigte.

Zwischen Kümmerin und grundlegender Veränderung

Elif Eralp präsentiert sich einerseits als Politikerin, die sich um konkrete Probleme in den Berliner Kiezen kümmert. Andererseits steht sie für weitreichende Eingriffe in bestehende Eigentumsverhältnisse und eine grundlegende Veränderung der Wohnungspolitik.

Genau diese Verbindung dürfte einen Teil ihres Wahlerfolgs erklären. Sie verbindet ihre persönliche Familiengeschichte mit dem Anspruch, soziale Ungleichheit zu bekämpfen und Menschen unabhängig von Herkunft und Einkommen politische Teilhabe zu ermöglichen.

Der Wahlsieg hat Eralp dem Roten Rathaus so nahe gebracht wie keine Politikerin der Linken vor ihr. Ob sie tatsächlich Regierende Bürgermeisterin wird, entscheidet sich jedoch erst in den kommenden Koalitionsverhandlungen.

Dabei wird sich zeigen, ob Eralp ihre weitreichenden wohnungs- und sozialpolitischen Forderungen mit den Positionen von Grünen und SPD vereinbaren kann. Der Wahlsieg gibt ihr einen starken politischen Auftrag – eine garantierte Eintrittskarte ins Rote Rathaus ist er noch nicht.