COP31 in Antalya: Die Türkei zwischen Klimakrise und Aufbruch
Die Türkei empfängt die Welt zum Klimagipfel, während Hitze und Trockenheit das Land zunehmend herausfordern. Die Konferenz bietet eine Chance, internationale Verantwortung zu übernehmen. Zugleich rückt sie die eigene Energie- und Klimapolitik in den Blick.
Antalya wird zum Treffpunkt der Klimadiplomatie
Nach Angaben des UN-Klimasekretariats UNFCCC findet die 31. UN-Klimakonferenz vom 9. bis 20. November 2026 in Antalya statt. Im Antalya Expo Center kommen Regierungsvertreter, Fachleute und Organisationen zusammen, um über Emissionsminderung, Anpassung und Klimafinanzierung zu verhandeln.
Die Aufgaben an der Spitze sind geteilt: Die Türkei ist Gastgeberin und stellt mit Umweltminister Murat Kurum den vorgesehenen COP31-Präsidenten. Australiens Klimaminister Chris Bowen übernimmt die Verhandlungsführung. Der Gipfel der Staats- und Regierungschefs ist für den 11. und 12. November angesetzt.
Für die Türkei geht es damit um mehr als eine internationale Großveranstaltung. Der Austragungsort lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Land, das selbst vor erheblichen klimatischen Herausforderungen steht.
Wärmer und trockener: Was die Messwerte zeigen
Laut dem türkischen Wetterdienst Meteoroloji Genel Müdürlüğü (MGM) war 2024 mit einer landesweiten Jahresmitteltemperatur von 15,6 Grad das wärmste Jahr der damaligen Messreihe. Im Sommer 2025 folgte ein weiterer Extremwert: Am 25. Juli wurden in Silopi 50,5 Grad gemessen – laut MGM ein neuer nationaler Höchstwert. Dieser örtliche Rekord ist nicht mit einer Durchschnittstemperatur gleichzusetzen.
Auch die Niederschläge fielen deutlich geringer aus. Für das Kalenderjahr 2025 weist MGM landesweit 414,9 Millimeter aus. Das waren 27,6 Prozent weniger als im Referenzzeitraum 1991 bis 2020. Der Wetterdienst bezeichnet die Jahresmenge als niedrigste der letzten 61 Jahre.
Ein einzelner Hitzerekord erklärt noch keinen langfristigen Klimatrend. Doch die Beobachtungen stehen vor einem wissenschaftlich gut beschriebenen Hintergrund: Nach Einschätzung des Weltklimarats IPCC ist der Mittelmeerraum erheblichen Risiken durch zunehmende Hitze, Trockenheit und Wasserknappheit ausgesetzt.
Was sich für Familien, Landwirtschaft und Urlaub verändert
Die Folgen betreffen den Alltag. Nach der Mittelmeer-Bewertung des IPCC gefährden Hitze und Wasserknappheit unter anderem Landwirtschaft, Gesundheit und Ökosysteme. Auch Waldbrandrisiken und Belastungen für Küstenregionen gehören zu den zentralen Herausforderungen.
Für die Türkei wirft das praktische Fragen auf: Wie lässt sich Wasser zwischen Haushalten, Landwirtschaft und Tourismus verlässlich verteilen? Wie können Städte Menschen während großer Hitze schützen? Und wie bleiben Urlaubsregionen attraktiv, wenn Kühlung, Wasserversorgung und Katastrophenschutz wichtiger werden?
Für Menschen mit familiären Verbindungen in die Türkei ist das besonders greifbar. Es betrifft den Aufenthalt bei Angehörigen ebenso wie den Sommerurlaub und die Lebensbedingungen der Familie vor Ort. Allerdings lässt sich nicht jeder Ernteausfall oder jede Preissteigerung allein dem Klimawandel zuschreiben. Auch Wasserbewirtschaftung, Bebauung und wirtschaftliche Rahmenbedingungen müssen berücksichtigt werden.
Fortschritte bei Energie und Klimapolitik
Die Türkei hat wichtige politische Grundlagen geschaffen. In ihrem bei der UN eingereichten Klimabeitrag bekräftigt sie das Ziel, bis 2053 netto keine Treibhausgase mehr auszustoßen. Das erste umfassende Klimagesetz wurde im Juli 2025 veröffentlicht. Es schafft unter anderem die rechtliche Grundlage für einen nationalen Emissionshandel.
Auch Solar- und Windenergie spielen eine erhebliche Rolle. Nach Angaben des türkischen Energieministeriums entfielen 2025 insgesamt 22,7 Prozent der Stromerzeugung auf diese beiden Quellen: 11,9 Prozent auf Solarenergie und 10,8 Prozent auf Windkraft.
Das zeigt vorhandene Möglichkeiten für den Umbau. Für die Klimabilanz bleibt aber entscheidend, ob sauberer Strom fossile Erzeugung verdrängt und nicht lediglich den zusätzlichen Energiebedarf deckt. Politische Ziele und neue Gesetze sind deshalb wichtige Schritte, aber noch kein Nachweis bereits erreichter Emissionssenkungen.
Kohle bleibt eine zentrale Herausforderung
Den Fortschritten steht eine weiterhin starke Rolle fossiler Energien gegenüber. Nach derselben Statistik des Energieministeriums lieferten Kohlekraftwerke 2025 rund ein Drittel des Stroms, Erdgas weitere 22,3 Prozent. Zusammen waren das mehr als die Hälfte der Stromerzeugung.
Wie umstritten dieser Teil der Energieversorgung ist, zeigt der Konflikt um Akbelen in der Provinz Muğla. Reuters berichtet zum Auftakt der COP31 über Anwohner, die vor den Folgen des Braunkohleabbaus für Wälder, Olivenhaine und ihre Lebensgrundlagen warnen. Die Regierung verweist auf Versorgungssicherheit und Arbeitsplätze.
Hier liegt eine zentrale politische Aufgabe: Ein klimaverträglicher Umbau muss auch den Menschen in betroffenen Bergbauregionen wirtschaftliche Perspektiven eröffnen.
Klimaziele: Auf den Vergleich kommt es an
Beim türkischen Ziel für 2035 lohnt sich ein genauer Blick. Der bei der UN hinterlegte Klimabeitrag sieht eine Begrenzung auf 643 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente vor, einschließlich Landnutzung und Forstwirtschaft. Die angekündigte Minderung von 466 Millionen Tonnen bezieht sich auf ein angenommenes Zukunftsszenario ohne die vorgesehenen zusätzlichen Maßnahmen.
Das bedeutet: Die genannte Minderung ist keine entsprechende Senkung gegenüber dem heutigen Ausstoß. Der unabhängige Climate Action Tracker kritisiert, dass das Ziel weiterhin stagnierende oder steigende Emissionen zulässt und nicht mit einem 1,5-Grad-Pfad vereinbar ist.
Eine faire Bewertung muss deshalb zwischen langfristiger Zielsetzung, rechnerischer Minderung gegenüber einem Szenario und tatsächlich sinkenden Emissionen unterscheiden.
Was nach dem Gipfel zählen wird
Die COP31 soll nach Darstellung der UN die Umsetzung von Klimaschutz voranbringen. Dazu gehören die Finanzierung des Umbaus, die Anpassung an Klimafolgen und ein sozial gerechter Wandel.
In der türkischen Fachberichterstattung wird die eigene Glaubwürdigkeit zum Thema. İklim Haber berichtet über die Forderung der Klimadiplomatin Jennifer Morgan, dass sowohl die Türkei als auch Australien internationale Führung mit stärkerem Klimaschutz im eigenen Land verbinden müssten.
Antalya bietet der Türkei die Gelegenheit, Fortschritte sichtbar zu machen und neue Schritte anzustoßen. Gemessen werden sollte der Erfolg an dem, was anschließend umgesetzt wird: sinkenden Emissionen, einer saubereren Energieversorgung und einem besseren Schutz vor Hitze und Wasserknappheit. Für die Menschen im Land sind das die Ergebnisse, die über den Gipfel hinaus Bedeutung haben.