Potsdamer Forscher warnen: Istanbul droht ein schweres Erdbeben

Istanbul Beben

Ein „kritisch geladenes“ Segment vor der türkischen Metropole Istanbul. Seit Jahren beobachten deutsche und türkische Geophysiker die tektonischen Bewegungen im Marmarameer. Nun schlagen sie Alarm: Direkt südlich von Istanbul, unter den Prinzeninseln, hat sich ein Abschnitt der Marmara‑Verwerfung gefährlich verhakt. Die Forscher sprechen von einer „kritisch geladenen“ Zone, die ein Erdbeben der Stärke 7 auslösen könnte – mitten vor den Toren der Millionenstadt.

Das Erdbeben vom April als Warnsignal

Ausgangspunkt der neuen Studie ist das Erdbeben vom 23. April 2025, das mit einer Magnitude von 6,2 das stärkste Ereignis an der Marmara‑Verwerfung seit über sechs Jahrzehnten war. Die Nachbeben breiteten sich überwiegend nach Osten aus – in Richtung Istanbul. Auffällig blieb jedoch ein Abschnitt unter den Prinzeninseln, der seismisch nahezu stumm blieb. Für die Forscher ist das ein Hinweis darauf, dass sich dort enorme Spannungen aufgestaut haben.

„Das April‑Beben hat nur einen begrenzten Teil der Verwerfung entlastet“, sagt Studienleiterin Patricia Martínez‑Garzón vom Helmholtz‑Zentrum Potsdam. „Die Ruhe unter den Prinzeninseln ist kein gutes Zeichen – sie zeigt, dass sich dort Energie sammelt, die sich irgendwann entladen muss.“

Platten bewegen sich – und verhaken sich

Die Marmara‑Verwerfung ist Teil des Nordanatolischen Grabensystems. Hier schiebt sich die kleinere Anatolische Platte westwärts an der riesigen Eurasischen Platte vorbei. Je nach Gesteinsart verhaken sich die Platten unterschiedlich stark. Während glatter Abschnitte kleine, kaum spürbare Beben auslösen, können raue Bruchflächen enorme Spannungen speichern. Genau ein solcher Abschnitt liegt unter den Prinzeninseln – ein dicht besiedeltes Gebiet mit Orten wie Büyükada, Heybeliada oder Burgazada.

Historische Dimension und Serie moderater Beben

Die Forscher erinnern daran, dass dieser Teil der Verwerfung seit 1766 kein Beben über Magnitude 7 erlebt hat. Seit 2011 jedoch reiht sich eine Serie moderater Erschütterungen entlang der Verwerfung: 2011 ein Beben der Stärke 5,2, 2012 ein 5,1, 2019 ein 5,8 – und schließlich das 6,2‑Beben von 2025. Die Bewegungen folgen einem Muster von Westen nach Osten, direkt auf Istanbul zu. Wissenschaftler der GFZ warnt: „Das April‑Beben hat nur begrenzt entlastet. Die kritische Spannung bleibt bestehen.“

Konsequenzen für eine verletzliche Metropole Istanbul

Istanbul zählt über 15 Millionen Einwohner, hinzu kommen Millionen Touristen jedes Jahr. Ein Erdbeben vergleichbar mit dem von Gölcük 1999, bei dem 18.000 Menschen starben, hätte verheerende Folgen. Die Forscher betonen, dass die Energieausbreitung bevorzugt nach Osten gerichtet ist – also direkt in Richtung der Metropole.

Mehr Echtzeitdaten gefordert

Um die Gefahr besser einschätzen zu können, verlangen die Wissenschaftler eine Verdichtung der Überwachungssysteme. Neben den bestehenden Bohrloch‑Seismometern sollen zusätzliche Stationen im Meeresboden installiert werden, ergänzt durch Glasfaser‑Netze, die kleinste Bewegungen registrieren können. Nur mit Echtzeitdaten lasse sich erkennen, ob die Verwerfung kurz vor einem Bruch steht. Gleichzeitig mahnen die Forscher zu baulicher Vorsorge und einer Aktualisierung der Gefährdungsmodelle.

Die jüngsten drei großen Türkei Erdbeben

Entlang der Nordanatolischen Verwerfung kommt es regelmäßig zu schweren Erschütterungen, die ganze Städte erschüttern und tausende Menschenleben fordern können. Ein Blick auf die jüngsten großen Beben verdeutlicht, wie hoch die seismische Aktivität ist – und wie dringend Vorsorge und Überwachung bleiben.

Februar 2023 – Kahramanmaraş

Zwei starke Beben mit Magnituden 7,8 und 7,5 (bzw. 7,6) trafen die Südosttürkei und Teile Syriens, mit mehr als 50.000 Toten in der Türkei und erheblichen Zerstörungen an Hunderttausenden Gebäuden.

Dies gilt als eine der schwerwiegendsten Naturkatastrophen in der modernen türkischen Geschichte.

April 2025 – Marmarameer

Ein Erdbeben der Magnitude 6,2 ereignete sich südwestlich von Istanbul im Marmarameer und war in der gesamten Metropolregion spürbar; es markiert das stärkste Beben an der Marmara-Verwerfung seit über 60 Jahren.

Fachleute werten es als Warnsignal für mögliche stärkere Folgeereignisse in der Region.

Dezember 2025 – Antalya

In der Urlaubsregion Antalya gab es kürzlich zwei Beben mittlerer Stärke um Magnitude 5,1 innerhalb weniger Stunden, mit begrenzten Schäden. Diese Ereignisse unterstreichen die anhaltende seismische Aktivität in der Türkei.