Türkische Wirtschaft mit chinesischen Dimensionen

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Die jüngste Veröffentlichung des Bruttoinlandsprodukts für das dritte Quartal zeigt ein Wachstum von 5,5% gegenüber dem Vorjahresquartal und vieles deutet auf eine Fortsetzung des starken Wachstumspfads hin. Die Analysten rechnen für 2010 mit einem Anstieg des BIP um 7,7%. Die Kapazitätsauslastung der Industrie liege nun mit mehr als 80% oberhalb des Vorkrisenniveaus.

Das sind fast chinesische Dimensionen. Für das kommende Jahr wird zwar eine Verlangsamung erwartet, mit geschätzten 4,5 Prozent dürfte das BIP-Plus aber durchaus respektabel ausfallen.

Die Türkei ist aus einem wirtschaftlichen Sorgenkind nun ein dynamisches, aufstrebendes Land geworden, das wohl nur aufgrund seiner "relativ betrachtet" niedrigen Bevölkerungszahl nicht zu den BRIC-Ländern gezählt wird. Die Inflation ist unter Kontrolle, die Arbeitslosenquote gleicht sich dem EU-Durchschnitt an, die Börse Istanbul erfreut sich unter internationalen Anlegern steigender Beliebtheit, die politische Lage ist bemerkenswert stabil – und vom türkischen Budget­defizit von derzeit vier BIP-Prozent können wir hierzulande nur träumen. Angesichts dieser beachtlichen Leistung gehen so gut wie alle Beobachter davon aus, dass Recep Tayyip Erdogan und seine AK Partei die Parlamentswahl im kommenden Sommer für sich entscheiden werden. Das dann bereits zum dritten Mal nach 2002 und 2007.

Dass der Aufstieg der Türkei auch für die EU von Vorteil ist, steht außer Frage. Das Land weist nämlich ein beträchtliches Leistungsbilanzdefizit aus. Die Türkei konsumiert und investiert mehr, als es produziert. Die Europäische Union ist als wichtigster Handelspartner der Türkei klarer Hauptnutzniesser dieser Entwicklung. Es kann also nicht schaden, ein kleines China als Nachbar zu haben. Vor diesem Hintergrund ist die Meinung des Ex-Erweiterungskommissars Günter Verheugen, wir brauchen die Türkei mehr als die Türkei uns braucht, durchaus verständlich. Die türkischen Handelsbeziehungen zu den Nachbarn im Nahen Osten floriert.

All dies spricht Bände für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei. Doch über den Beitritt der Türkei wird letzten Endes nicht die Wirtschaft und die Vernunft entscheiden. Sondern nur die Wählerschaft. Die Krise hat leider auch deutlich gemacht, dass ökonomische Vernunft und parteipolitische Befindlichkeiten und Präferenzen nicht immer übereinstimmen.