Türkei als Vorbild für Araber

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Die Demonstranten in Ägypten sind noch damit beschäftigt, Präsident Mubarak aus seinem Amt zu vertreiben, und währenddessen denkt manch einer schon an die Zeit danach. Der Blick dabei richtet sich immer wieder auf die Türkei. "Die Türkei als erfolgreiches demokratisches Land mit einer muslimischen Bevölkerung ist Vorbild für den Nahen Osten", sagt Ercan Güner. Er ist Aktienstratege für die Türkei bei HSBC Global Asset Management.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde die Türkei geplagt von der galoppierender Inflation. Um 50 bis 70 Prozent verteuerte sich die Lebenshaltung alljährlich. Im vergangenen Jahr ist die Rate unter sieben Prozent gesunken, für dieses Jahr erwartet die Zentralbank 5,9 Prozent. Gelungen ist dies durch eine Wirtschaftspolitik, die der gemäßigt islamischen Regierung kaum jemand zugetraut hätte. "Sie hat in den vergangenen Jahren viele strukturelle Reformen durchgeführt", sagt Güner. Die Staatsverschuldung von knapp 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2001 sank auf zuletzt nur noch 42 Prozent. Die Wirtschaft wurde geöffnet, über Exporte in den Welthandel integriert.

Zwar warf die Wirtschaftskrise auch die Türkei zurück. Doch ebenso schnell erholte sie sich wieder. Güner glaubt daher, dass gerade die Krise gezeigt hat, wie stark das Land inzwischen aufgestellt ist. Dies sahen zuletzt auch immer mehr Investoren so. Schon seit mehreren Jahren entwickelt sich der Istanbuler ISE-30-Index deutlich besser als der MSCI Emerging Markets Index, der alle Schwellenländer umfasst.

Allerdings sind die Kurse seit einigen Wochen auf dem Rückzug. Ein wesentlicher Grund dafür war offenbar die Entscheidung der Zentralbank, die Zinsen zu senken – die meisten hatten angesichts einer weltweit anziehenden Inflation eher mit dem Gegenteil gerechnet. Die Kursrückgänge an Istanbuls Börse waren also durchaus von der Notenbank gewollt. Daher glauben die meisten Experten auch, dass die Schwäche des Marktes noch einige Wochen anhalten dürfte. Das könnte sich dann aber auch schnell wieder ändern. Denn die Türkei steht in diesem Jahr vor einem entscheidenden Schritt, der ihr den Lohn für die Reformen der vergangenen Jahre einbringen dürfte: Die Aufnahme in die Reihe der Staaten mit einem sogenannten Investmentgrade-Rating.

Bislang hat das Land von den Rating-Agenturen noch eine Bewertung, die es vielen Großanlegern verbietet, dort zu investieren. Doch schon in den vergangenen Monaten verbesserten sich die Ratings stetig, und nun steht die Türkei unmittelbar an der Schwelle zur Rating-Oberliga. Die meisten Beobachter erwarten, dass es nach den Wahlen im Juni so weit sein könnte und wenigstens eine Agentur das Land hochstuft.

Dies könnte für weiteren Zuspruch ausländischer Anleger sorgen: Die Aufnahme der Türkei in den Rating-Olymp könnte also türkischen Aktien neuen Schub geben. Und es könnte den Vorbildcharakter des Landes für die arabischen Staaten weiter verstärken.

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