Neue Lira verliert wieder an Kraft

tuerklira_070606_collage.jpg

Ein Wertverlust der türkischen Lira um rund 20% im Mai und eine Inflation von 9,9% im gleichen Monat zwingen die Zentralbank in Ankara zum Handeln.

Trotz der zunehmenden Schwäche der türkischen Lira, erklärte Premier Tayyip Erdogan noch vor wenigen Tagen, hätten es weder die Regierung noch die Zentralbank mit dem Eingreifen eilig. Die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten der Türkei seien "normale Ausschläge", so der Ministerpräsident. Unter solchen hätten auch die Volkswirtschaften der Industrienationen zu leiden.

Der Istanbuler Börsenindex stürzte in den vergangenen vier Wochen um 16 Prozent ab, die türkische Lira hat gegenüber dem Dollar 17 Prozent verloren. Am Mittwoch (07.06.) trifft sich die türkische Zentralbank zu einer Krisensitzung. Zentralbankchef Durmus Yilmaz will nun doch für eine Zinserhöhung plädieren, um den freien Fall der Währung zu stoppen. Er hat außerdem zu verstehen gegeben, dass sich die Zentralbank nicht scheuen werde, die 60 Mrd. $ schweren Devisenreserven einzusetzen.

Hintergrund für den Fall der türkischen Lira sind die so genannten "Carry-Trades", mit denen milliardenschwere Anlagefonds die Zinsdifferenzen zwischen verschiedenen Ländern ausnutzen. Sie tragen jedoch das Risiko, dass die Währung des Hochzins-Landes und damit ihr Investment an Wert verliert. In jüngster Zeit sind allerdings die Zinsen in den USA deutlich gestiegen, was das Geschäft mit den Zinsdifferenzen weniger profitabel macht. "Die Carry-Trades werden daher schrittweise aufgelöst", so die Deutsche Bank, "wobei die Reihenfolge von den Fundamentaldaten des Landes abhängt." Schwächere, risikoreichere Währungen werden sofort abgestoßen. Geschieht dies massenhaft, gerät die Währung ins Trudeln, was zu weiterem Kapitalabfluss und weiteren Verlusten führt.

So wie derzeit bei der türkischen Lira. Angreifbar wird die Türkei durch das hohe Minus im Außenhandel, es beträgt rund sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aufgeschreckt wurden die Investoren allerdings auch durch neue Inflationsdaten: Im Mai war die Preissteigerungsrate auf 9,9 Prozent geklettert, weit über dem Inflationsziel der Regierung von fünf Prozent. Das trieb die Investoren aus der Lira, die Währung verlor, was wiederum türkische Importe verteuert und so die Inflation weiter anheizt. Ökonomen erwarten daher für Juni eine Preissteigerungsrate von elf Prozent.

Im Jahre 2001 lag die Inflation noch bei 61,6%. Letztes Jahr fiel sie pünktlich zur Einführung der neuen Lira (YTL) erstmals seit 32 Jahren unter 10%. Dieses Jahr sollte sie nach dem Willen von Regierung und Zentralbank auf 5% sinken, droht aber wieder über 10% zu steigen. Mit einer Leitzinsanhebung auf 14,25 Prozent wird die Zentralbank daher am Mittwoch voraussichtlich versuchen, das Vertrauen in die Lira wieder herzustellen. Dies versuchte am Dienstag auch Ministerpräsident Erdogan: Laut seinen Prognosen soll die Inflation bis 2013 auf 3% sinken, bei einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 6,5%.

Verwandte Themen