Die Gesamtschule

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An keiner anderen Schulform scheiden sich die Geister so wie an der Gesamtschule. Die einen sehen in ihr einen Garanten für Chancengleichheit in der Bildung. Die anderen halten sie für eine reformerische Missgeburt, die den schwachen wie den leistungsstärkeren Schülern nur Nachteile bringt. «Wir haben die Gesamtschule zur ideologischen Glaubensfrage hochstilisiert», klagt Renate Hendricks, Vorsitzende des Bundeselternrates in St. Augustin. «Eine typisch deutsche Herangehensweise.»

Durch die Veröffentlichung der Pisa-Studie könnte die Auseinandersetzung sogar wieder an Schärfe gewinnen: Die meisten der besser platzierten Länder haben integrierte Schulsysteme und scheinen damit dem Modell der Gesamtschule Recht zu geben. Auch die aktuelle Forderung nach Ganztagsbetreuung ist hier schon verwirklicht. Die Gegner verweisen dagegen auf den innerdeutschen Leistungsvergleich: «Studien zufolge sind Gesamtschüler am Ende der 10. Klasse im Leistungsvermögen mehr als zwei Schuljahre hinter Realschülern und Gymnasiasten zurück», sagt Ulrich Sprenger aus Recklinghausen, Vorsitzender des Arbeitskreises Gesamtschule.

In Gesamtschulen sind verschiedene Bildungsgänge zu einer mindestens räumlichen Einheit verbunden. Belässt es die kooperative Gesamtschule beim überwiegend getrennten Unterricht im Haupt-, Realschul- und Gymnasialzweig, so werden in der integrierten Gesamtschule zunächst alle Schüler in einer Klasse zusammengeführt. Erst später erfolgt in wichtigen Fächern eine Differenzierung in Grund- oder Erweiterungskurse. Die im Vergleich zum gegliederten Schulsystem durchlässigeren Grenzen zwischen den Bildungsgängen tragen dem Umstand Rechnung, dass sich das Leistungsbild von Schülern nach der fünften Jahrgangsstufe noch erheblich ändern kann.

Dass ist auch einer der Gründe, warum Gesamtschulen bei Eltern jenseits ideologischer Grabenkämpfe beliebt sind: «Wer unschlüssig ist, auf welche Schulform er sein Kind schicken soll, gewinnt bei der Gesamtschule fünf Jahre Zeit», sagt Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Frankfurt. Einen Numerus clausus gibt es beim Übertritt auf die integrierte Gesamtschule nicht. Auch Spätentwickler können sich damit noch für die gymnasiale Oberstufe qualifizieren. Andererseits ist den Eltern dann die Entscheidung aus der Hand genommen – ausschlaggebend sind allein die Leistungen.

Wenn die Gesamtschule Schwächen in der Leistungsbilanz aufweist, dann gibt es dafür nach Ansicht ihrer Anhänger nur einen Grund: Die Idee wurde nicht konsequent umgesetzt. Statt zur alleinigen Schulform aufzusteigen, muss sich die Gesamtschule etablierter Konkurrenz stellen. In der Konsequenz schicken ambitionierte Eltern ihre Kinder weiterhin auf Gymnasium oder Realschule. Der Gesamtschule bleibt der leistungsschwache Rest. «In manchen Gesamtschulen haben 90 Prozent der Schüler eine Hauptschulempfehlung», sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL) in Bonn. Nach seiner Meinung ist die Gesamtschule längst «tot». Andere aber sehen in ihr mehr denn je die Zukunft.

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