Das Gymnasium

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Ein wenig umgibt das Gymnasium noch immer die Aura bürgerlichen Bildungseifers. Als glanzvoller Sieger ist das Flaggschiff des deutschen Schulsystems aus der Pisa-Studie aber nicht gerade hervorgegangen. Zwar erreichten die Gymnasiasten beim Lesevermögen einen Wert von 582 Punkten gegenüber 494 bei der Real- und 394 bei der Hauptschule (definierter Durchschnitt: 500 Punkte). Im internationalen Vergleich erwies sich die Leistungsspitze aber als eher schmal und unauffällig. Eine Studie an weiterführenden Schulen in Hamburg brachte sogar Erschreckendes zu Tage: Demnach erzielen gerade leistungsstärkere Gymnasiasten in den Klassen sieben und acht beim Beherrschen der deutschen Sprache kaum messbare Fortschritte.

Trotz leichter Einbußen in den vergangenen Jahren ist das Gymnasium aber weiterhin bei den Eltern erste Wahl: 32,6 Prozent der Siebtklässler besuchten im Schuljahr 2000/01 diese Schulform. «Die Übergangsquote von der Grundschule liegt noch um einiges höher», sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes in Bonn. «Zwischen Klasse 5 und 7 gibt es einen Aderlass von bis zu 15 Prozent.»

Das Gymnasium soll Schülern eine breite und vertiefte Allgemeinbildung vermitteln, die in der Regel zur Allgemeinen Hochschulreife führt. Voraussetzungen für den Besuch dieser Schulform sind Neugierde und Aufgeschlossenheit für abstrakte Zusammenhänge, eine hohe Konzentrationsfähigkeit, Freude am Lernen, Experimentieren und Beobachten sowie Interesse an literarischen, musischen und künstlerischen Themen.

«Eltern sollten darauf achten, dass das Profil der Schule zu den Interessen ihres Kindes passt», warnt Renate Hendricks, Vorsitzende des Bundeselternrats in St. Augustin. So könne ein in dieser Beziehung nur durchschnittlich begabter Schüler leicht einen Knacks bekommen, wenn er in einem sprachlich ausgerichteten Gymnasium eine dritte Fremdsprache erlernen muss. Er würde sich vielleicht auf einer Schule wohler fühlen, die Mathematik und die Naturwissenschaften Physik und Chemie in den Vordergrund stellt oder die musischen Fächer wie Musik und Kunst. Wirtschaftsgymnasien bieten einen Schwerpunkt in Rechnungswesen, Wirtschafts- und Rechtslehre.

Ein Fall für sich sind die humanistischen Gymnasien, die sich dem klassischen Bildungsideal verpflichtet fühlen und zu deren Unterrichtsstoff neben Latein auch Griechisch gehört. Nach Ansicht ihrer Anhänger sind es aber nicht nur rückwärts gewandte Gründe, die für diese Schulform sprechen: So helfe Latein beim Erlernen anderer Sprachen. Daneben sei das Humanistische Gymnasium aber auch besonders geeignet, «zu einer ausgewogenen Persönlichkeitsbildung beizutragen», heißt es beim Arbeitskreis Humanistisches Gymnasium in München.

Obwohl es in Deutschland inzwischen Dutzende Wege zur Allgemeinen Hochschulreife gibt, bleibt der Besuch des Gymnasiums die klassische Studienvorbereitung. Kürzlich alarmierte allerdings ein Bericht der Industriestaaten-Organisation OECD die Öffentlichkeit, wonach Deutschland bei der Studenten-Quote hinter den internationalen Schnitt zurückgefallen ist. Von Abiturienten- oder Akademikerschwemme kann eigentlich keine Rede mehr sein.

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